Kühler Vorfrühling in Ostbrandenburg 2015

Brandenburgische Depressionen zu kalter Vorfrühlingszeit

Ich schwebe gerade in einem Raum, der kaum existent zu sein scheint. Wo soll ich denn hin frage ich mich ganz leise. Ich bin außerhalb meiner Selbst und kann mich kaum erfreuen an dem schönen SEIN hier auf Erden. Warum bin ich hier? Ich treibe seit 32 Jahren umher, habe zwei wunderbare Kinder auf diese Welt gebracht, habe einen Mann geheiratet, dessen Ausbrüche großes Mitgefühl von mir verlangten, habe zwei Studienabschlüsse, habe mich intensiv und von ganzem Herzen  für eine bessere Welt und eine die Zukunft von Kindern engagiert und nun stehe ich da und hier und bleibe stehen. Aus. Schluss. Vorbei. Ich habe weder reiche Eltern, noch einen Ehemann, der alleinverdienend die Familie ernähren kann. Ich habe keine Besitztümer, die es für viel Geld zu verkaufen gilt in Zeiten der Not. Ich habe Geld und Zeit in meine Ausbildung investiert, ich schreibe gerne, bin engagiert, habe dem Staat Nachwuchs beschert, für dessen Bildung ich mich engagiere. Ich war 5 Wochen pilgern, bete zu Gott, meditiere und werde eins mit dem Universum. Ich bewerbe mich seit zwei Jahren um einen Job, der meiner Qualifikation entspricht , den ich erfüllen kann und der wenigsten ein bisschen mit meinem Herzblut verfolgt werden kann. Und? Ach ja, im Ausland bin ich natürlich während meiner Studienzeit auch gewesen. Und? Nichts. Ich stehe da, mit wirrem Haar und ringe um meine Unabhängigkeit. Ich möchte auch ein Stück mehr vom Kuchen, den ich in all meinen Lebensjahren so gut kennengelernt habe.

Seit Tagen wartete ich ungeduldig auf eine Reaktion auf meine Bewerbung als Projektmanagerin im Bereich Naturbildung für Kinder – ein Traumjob in meinem Sinne, denn ich habe 3 Jahre lang genau das gemacht – nur eben im Ehrenamt, ganz ohne Geld und nebenbei als Vollzeitmama für zwei Kinder. Ich liebe diese Tätigkeit noch heute, doch ich kann nicht von ihr leben. Denn ein Ehrenamt in einem gemeinnützigen Verein, dessen Gründerin und Vorsitzende ich bin, das bezahlt niemand einfach so. Wenn es ums Geld geht wird es komplizierter und ich bin keine Unternehmerin, das muss ich leider immer wieder feststellen. Ich habe Ideen. Viele Ideen. Doch der Unternehmergeist, der sich Gedanken darum machen kann und Konzepte entwickelt, wie man damit zu Geld kommt, den besitze ich leider nicht. Nun, ich bin 7 Jahre in der DDR aufgewachsen. Meine Eltern waren Arbeiter und Angestellte. Den Spirit von Unternehmergeist, den gab es nirgendswo in Reichweite. Ich wartete also auf die Bewerbungsresonanz. Gestern war es soweit, ich rufe bei der Stiftung an. Ich rufe an, weil ich eine Frage aus meiner Position als Vereinsvorsitzende habe und ganz nebenbei erkundige ich mich wie es mit der Bewerberauswahl aussieht. „Oh, haben wir Ihnen nicht abgesagt? Die Absagen gingen eigentlich schon raus. Wir haben uns leider für jemand anderes entschieden. Tut uns leid.“ Freudvoll sage ich okay, Dankeschön und beende das Telefonat. Stille kehrt ein. Ein bisschen Ratlosigkeit. Diese Stelle wäre von allen, bei denen ich mich bis heute beworben hatte, die von mir aus wunderbarste gewesen. Ich wäre für eine Tätigkeit , die ich aus vollem Herzen begehe, bezahlt worden. Toll. Ein Traum. Das sollte es wohl auch bleiben. Mein Herz versagt langsam. Alles um mich herum bleibt liegen, mit Leichtigkeit, doch irgendwie abwesend, bereite ich noch die letzten Dinge für ein wichtiges Öffentlichkeitsevent vor. Eine Veranstaltung, welche die Vereinsarbeit und unser Engagement für das Thema Kind und Natur in meiner aktuellen Wahlheimat ein bisschen katapultieren soll. In dieser Provinz schlafen noch so viele Menschen bei einem Thema, das in Berlin schon lange präsent, brisant und dankend angenommen ist. Die Veranstaltung ist rundum professionell engagiert, Kooperationspartner und Gäste sind eingeladen. Alle sind da. Bis auf ein paar wenige … die Zuschauer. Es kommen genau drei Eltern und drei Akteure aus der Stadtpolitik! Das sind 6 Gäste! Das ist unglaublich. Es ist niederschmetternd, dass bei solch einem aktuell präsentem Thema sich in dieser Stadt niemand rührt eine Art gratis Fortbildung in Sachen Naturpädagogik anzunehmen. Weder Eltern, noch Erzieher oder Pädagogen. Und was sagen zwei der Gäste zu mir? Wir sind eben in …. . Ja in dieser Stadt sind wir. Eine Industriestadt, die keinen Sinn für Schönheit und Ästhetik hat. Ein Stadt voller Proletariat ohne Sinn fürs Sein. Eine Stadt,die ihre historischen Bauten zerfallen lässt, abreist und sich mit Lebensmitteldiscountern ohne Gleichen schmückt.

In den letzten Tagen geistert die Frage in mir, was der Grund dafür ist, dass ich noch hier bin. Die Frage kam vor allem nach einem Besuch in meiner Geburtsstadt auf. Als ich die ersten frühlingshaften Sonnenstrahlen am Schweriner Pfaffenteich in mein Gesicht schienen ließ und der Zauber dieser wunderschönen Altstadt mir ebenso in die Augen blickte, da rätselte ich tatsächlich warum ich in einer solch hässlichen Stadt irgendwo in Brandenburg wohne. Es war die Liebe einst, die mich dort hinzog. Und nun sind es ein paar Menschen, die mir lieb geworden sind, Freunde auch genannt. Und es ist mein Engagement, dass ein paar Früchte trägt und von einigen Seiten auch wertgeschätzt wird. Ich arbeite stadtpolitisch und meine Stimme wird nicht ignoriert. Aber bringt mir das ein Abendbrot? Bringt mir das Unabhängigkeit und zwei schöne Paar gesunde Lederschuhe für meine Kinder? Bringt mir das die lang ersehnte Geige für meinen Sohn oder das lang ersehnte Konzert in der Berliner Philharmonie? Bringt mir das nur eine von den Reisen, wie ich sie bestaune und mit meinen Sinnen erfühlen kann wenn ich das ZEIT REISEN Magazin lese? Nein, leider nicht. Der Kuchen er steht vor mir. Ich kann ihn riechen. Kann von ihm träumen. Kann mich gustatorisch mit Hilfe der Kraft der Vision an ihm erfreuen. Doch irgendetwas fehlt. Ich möchte baden in ihm. Eintauchen. Abtauchen. Teil von ihm sein und genießen. Weg wo bist du? Wo geht es lang?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Solve : *
10 + 4 =